Aufklärung und Prävention in der Jugendgynäkologie ? Eine Aufgabe für die Frauenärztin/ -arzt

Die Zahl der Schwangerschaften bei Minderjährigen steigt weiter ? und auch die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche. Sexuell übertragbare Krankheiten bei Jugendlichen breiten sich aus. Die Probleme sind in Fachkreisen ? aber nicht in der Öffentlichkeit - bekannt. Die Notwendigkeit früherer umfassender Information und Betreuung auch.

Warum ist der Fortschritt so gering? Befinden sich die Frauenärzte in der Situation des Hasen in der Fabel vom Hasen und Igel? Durch Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern, spezialisierten Gesellschaften und spezialisierten Präventionszentren wie dem Landesinstitut für Frauengesundheit Baden-Württemberg lässt sich Fortschritt erreichen!

 

1. Wachsende Probleme

Seit Jahren beobachten wir eine Vorverlegung der Menarche in immer jüngere Jahre. Frühere Reproduktions-Reife und ein stimulierendes Umfeld, sei es durch die Massenmedien oder im unmittelbaren Erlebensbereich, wecken sexuelle Neugier und Triebimpulse immer früher. Junge Mädchen beginnen heute drei Jahre eher als noch vor einigen Jahren mit Verabredungen, Küssen und Petting.

 

Eine repräsentative Umfrage im Jahre 2001 ergab, dass bereits 11% der 14-jährigen, 25% der 15-jährigen und 40% der 16-jährigen Mädchen Koitus-Erfahrung hatten. Umfragen zufolge erlebten 34% der Jungen und 25% der Mädchen den ersten Geschlechtsverkehr völlig überraschend. Diese Entwicklung ist zunächst ein gesellschaftliches Phänomen. Zur Herausforderung für die Medizin wird es erst dadurch, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in sehr jungen Jahren gestiegen ist, und dass sich sexuell übertragbare Krankheiten unter Jugendlichen verbreiten.

 

1.1. Teenager-Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche

Die Zahl minderjähriger Schwangerer stieg kontinuierlich an. Im Jahr 2000 haben 7000 minderjährige Mädchen entbunden, das entspricht einer Zunahme von 45% gegenüber 1998. Bei den Mädchen unter 14 Jahren kam es sogar zu einer Verdoppelung in diesem Zeitraum.

 

Noch dramatischer ist die Zunahme der Schwangerschaftsabbrüche in dieser Altersgruppe: zwischen 1996 und 2001 stieg die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche unter dem 15. Lebensjahr um 90%. Neuere Zahlen deuten auf einen weiteren Anstieg mit Abflachung des Trends hin: vergleicht man die unterschiedlichen Altersgruppen, so ergibt sich zwischen 1996 und 2004 eine Zunahme der Abbruchraten bei den unter 15-Jährigen um 113%, bei den 15-18-Jährigen um 62% und bei den 20-25-Jährigen immerhin noch um 25%.

 

Obwohl der Anteil der Mädchen, die beim ersten Geschlechtsverkehr nicht verhüten, von 21% 1980 auf 12% 2001 gesunken ist, ist die Zahl der Teenager-Schwangerschaften im gleichen Zeitraum gestiegen, primär sicher ein ?Basiszahl?-Effekt. Auch wenn Deutschland mit einer Geburtenrate unter Teenagern von 1,4% weit unter den USA mit 5,2% und Großbritannien mit 3,1% liegt, bleibt auf dem Gebiet der Aufklärung und Prävention noch viel zu tun, denn wie die Abbrüche zeigen, stehen wir nicht vor einem Umbruch im Hinblick auf gewollte oder akzeptierte Schwangerschaften. Es besteht offenbar unverändert ein Mangel an konkreten (und richtigen) Vorstellungen von Bau und Funktion des weiblichen Körpers einschließlich des Zyklus, und auch noch eine Lücke in der Aufklärung über die Möglichkeiten der Kontrazeption und über Notfallpräparate. Inwieweit auch Gruppenzwang und falsche Vorstellungen über das sexuelle Verhalten Gleichaltriger eine Rolle spielen, sei dahingestellt.

 

1.2. Chlamydieninfektionen bei Jugendlichen

Aufgrund der Vorverlegung der Pubertät und der damit verbundenen immer früheren Aufnahme sexueller Beziehungen, kommt es auch zu einer stetigen Zunahme sexuell übertragbarer Erkrankungen im Jugendalter. Welche weitreichenden gesundheitlichen Folgen der sorglose Umgang mit der Liebe haben kann, gehört zu den tabuisierten Themen unserer Gesellschaft. (Die einzige Ausnahme bildet die HIV-Infektion. Sie wird jedoch im öffentlichen Bewusstsein noch immer überwiegend ?Risikogruppen? zugeordnet und außerdem fälschlicherweise von vielen für heilbar gehalten).

 

In Deutschland ist die Prävalenz der häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten unbekannt. Entsprechende Daten aus dem europäischen Ausland sind besorgniserregend und verdeutlichen die Notwendigkeit an Aufklärung und Screeningmaßnahmen. Neben der unten beschriebenen HPV-Infektion gehört die Chlamydieninfektion zu den häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen. Aus Schweden wird von einer Zunahme der Infektionen unter Jugendlichen um 60% im Zeitraum von 1994 bis 2002 berichtet. In den Niederlanden ist die Prävalenz zwischen 2000 und 2002 um 62% gestiegen.

 

Untersucht man die verschiedenen Altersklassen so finden sich 5,4% Infizierte unter den 14-17-Jährigen, 10% unter den 17-Jährigen, 8% unter den 20-24-Jährigen sowie noch 3,5% unter den 35-39-Jährigen. Die Dunkelziffer wird aufgrund der gravierenden Untererfassung auf das Zehnfache geschätzt. 90% der Infektionen verlaufen asymptomatisch, können aber bekanntermaßen weitreichende Folgen haben, wie etwa ausgedehnte intraabdominelle Infektionen bis hin zur dauerhaften Sterilität.

 

Die Jugendlichkeit stellt hierbei einen besonderen Risikofaktor dar. So führt die vorherrschende Östrogendominanz häufig zu einer ausgeprägten Portioektopie, der Zervikalkanal ist leichter für Mikroorganismen durchlässig. Die Reifung der lokalen Immunabwehr ist zunächst unvollständig und bei der zunehmenden Zahl rauchender Mädchen weiter vermindert. Ferner ist die Suszeptibilität unter hormonalen Kontrazeptiva erhöht.

 

Umfragen unter minderjährigen Mädchen ergaben, dass 83% noch nie etwas über Chlamydien und ihre möglichen Folgen gehört hatten. Der Grad des Nichtwissens unterschied sich zwischen den Schularten nicht signifikant. Die Ergebnisse dieser Studien bestätigen die Befürchtung, dass Jugendliche sich des Problems von STD nicht bewusst sind und dieses Thema deshalb wenig ernst nehmen.

 

1.3. HPV-Infektionen und Krebsrisiken bei Heranwachsenden

Bis zu 70% der sexuell aktiven Frauen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit humanen Papillomviren (HPV). HPV-Infektionen verursachen etwa 470000 Fälle von Zervixkarzinomen jedes Jahr. Obwohl die meisten Fälle in den Entwicklungsländern auftreten, wo Vorsorgeprogramme fehlen, sterben jährlich etwa 35000 Frauen in USA und Europa an dieser Erkrankung.

 

Seit Einführung des regelmäßigen PAP-Abstriches konnte zwar die Inzidenz des Zervixkarzinoms deutlich reduziert werden, eine HPV-Infektion und daraus resultierende präkanzeröse Veränderungen lassen sich aber nicht verhindern.

 

Mehr als 90 verschiedene Virustypen sind bereits bekannt von denen mehr als 35 den Genitaltrakt befallen. Es lassen sich zwei Gruppen unterscheiden, eine sogenannte Niedrigrisiko-Gruppe (?low-risk group?) und die sogenannte Hoch-Risiko-Gruppe (?high risk group?). Die beiden häufigsten Vertreter der letztgenannten (HPV 16 und 18) sind für mindestens 70% der Zervixkarzinome und schweren Dysplasien verantwortlich, während HPV 6 und 11 als die beiden häufigsten Vertreter der ersten Gruppe 90% der Genitalwarzen verursachen.

 

Meist handelt es sich um transiente Virusinfektionen, die in ca. 80% der Fälle ohne jegliche klinische Symptomatik binnen 18 Monaten ausheilen. Nur chronische Infektionen desselben HPV-Typs können zur Entstehung hochgradiger Präkanzerosen und schließlich eines invasiv wachsenden Tumors führen. Über 90% der invasiven Karzinome und alle obligaten Präkanzerosen sind mit HPV-DNA assoziiert. Die durchschnittliche Latenzzeit zwischen initialer HPV-Infektion und invasivem Karzinom beträgt 15-30 Jahre.

 

In Europa sind genitale HPV-Infektionen in der Altersgruppe zwischen 18 und 25-Jahren mit einer Prävalenz von ca. 20% am häufigsten, sie fällt in Deutschland ab auf ca. 10% bei den 30-35-Jährigen und auf ca. 5% bei den Frauen zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr.

 

Die Infektions-Inzidenz bei unter 18-Jährigen ist nicht bekannt. Auf Basis der bekannten Informationen zum Sexualverhalten ist jedoch davon auszugehen, dass auch in dieser Altersgruppe schon ein signifikantes Infektionsrisiko besteht. Gerade vor dem Hintergrund, dass klinische Tests mit Impfungen gegen HPV bisher zu viel versprechenden Ergebnissen geführt haben und dass zwei Impfstoffe schon im Zulassungsverfahren sind, spricht vieles für eine Ausdehnung dieser langfristig ausgerichteten Krebsvorsorge auf sexuell aktive Jugendliche.

 

2. Traditionelle Lösungsansätze nicht ausreichend

Der Ausweg aus den wachsenden Problemen scheint auf den ersten Blick klar: Verbesserte Informationen für Mädchen für die die Themen relevant werden, verbesserte aktive Aufklärung, offene Gespräche, um auf verantwortliches und gesundheitsbewusstes Verhalten hinzuführen. Das Ganze unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das mittlere Menarchealter aktuell bei 12,5 Jahren und der frühest normale Zeitpunkt für die erste Regel zwischen acht und neun Jahren liegt.

 

Es steht außer Frage, dass der Großteil der Sexualerziehung in Elternhand liegen sollte. Im familiären Umfeld kann am besten die Gelegenheit geboten werden herauszufinden, was es bedeutet Bindungen und Beziehungen aufzubauen. Sexualerziehung ist auch seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Curriculums der Schulen.

 

Offenbar reichen diese traditionellen Lösungen aber nicht aus, um mit den wachsenden Herausforderungen fertig zu werden. Die zunehmende Instabilität von Familien und die daraus resultierende veränderte Familienstruktur machen die Bewältigung in der Familie schwieriger, ganz abgesehen davon, dass es für die meisten Erwachsenen einen signifikanten Unterschied bedeutet, ob sie ein Gespräch über diese Themen mit einer 14-Jährigen oder mit einer 10-Jährigen führen. Kinder, die es am nötigsten hätten, können häufig am wenigsten auf die elterliche Unterstützung bauen.

 

Der potentielle und tatsächliche Beitrag der Schule zur Sexualerziehung variiert nach allen Berichten außerordentlich stark. Die rein biologischen Fakten werden selten als wirklich interessant und relevant empfunden und das Format des Unterrichts in der Klasse ist durchaus problematisch vor allem bei großen Altersspannen. Auch die notwendige Verlagerung des Unterrichts auf immer jüngere Schüler dürfte viele Pädagogen vor zusätzliche Schwierigkeiten stellen. Generell sind Eltern und Lehrer ab der Pubertät ihrer Kinder in einer schwierigen Rolle: ihnen wird der Zutritt zur Welt der Jugendlichen zunehmend verwehrt, Orientierung wird eher in der eigenen Gruppe oder ?außen?, gesucht.

 

Angesichts des heutigen Informationsangebotes über Internet oder andere Medien kann man sicher nicht argumentieren, dass relevante Informationen grundsätzlich verschlossen wären, aber ohne Vermittlung gelingt der wirkliche Zugang in aller Regel nicht. Jugendliche benötigen heute nicht nur bessere Aufklärung, sondern konkrete Informationen und praktische Tipps, um möglichst früh handlungskompetent zu sein. Hierin liegt eine Aufgabe und Chance für Ärztinnen und Ärzte. Die bei der medizinischen Betreuung von Erwachsenen und älteren Heranwachsenden bewährte Praxis ist jedoch für die jüngere Zielgruppe nur wenig geeignet. Vor Besuchen beim Frauenarzt besteht eine große Scheu, die erste gynäkologische Untersuchung wird häufig als verstörend oder sogar erschreckend empfunden.

 

3. Neue Lösungen notwendig

In den letzten Jahren wurde in Deutschland und im Ausland begonnen, neue Wege zu beschreiten. In Deutschland war es insbesondere die von der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau (ÄGGF) getragene Initiative zur Einrichtung spezieller gynäkologischer Beratungsangebote für Mädchen. Aus einzelnen Bundesländern werden bereits fassbare Erfolge wie z.B. ein Rückgang der Schwangerschaftsabbrüche in der kritischen Altersstufe gemeldet. Die Angebotspalette deckt dabei ein breites Spektrum ab:

 

- Nachmittage der offenen Tür für Schulklassen oder Jugendgruppen in der Arztpraxis

- Info-Nachmittage für Gruppen zu Schwerpunktthemen

- Mädchensprechstunde für einzelne

- Unterstützung des Sexualkundeunterrichts in Schulen.

 

Dieser Katalog von Angeboten ließe sich sicher weiter detaillieren oder ergänzen, er deckt aber die wesentlichen Kategorien ab. Entscheidend für den Erfolg sind drei Dinge.

 

1. Es muss gelingen, die Zielgruppe wirkungsvoll anzusprechen, d.h. gerade auch die Mädchen zu erreichen, die sonst wenig Zugang zu verlässlichen Informationen haben.

2. Inhaltlich muss das Angebot die Problemschwerpunkte abdecken, d.h. über allgemeine Aufklärung und den Abbau von Berührungsängsten hinausgehen. Nur so lassen sich die neu entstandenen Gesundheitsrisiken abbauen.

3. Der Arzt muss bereit sein, sich auf teilweise sehr junge Mädchen einzustellen und seinen Stil an ihre spezifischen Bedürfnisse anzupassen. Nur so wird das notwendige Vertrauen aufgebaut.

 

Die erste Voraussetzung schafft man am besten durch Kooperation mit den anderen Beteiligten an der Aufgabe, d.h. mit Eltern, Lehrern oder Leitern von Jugendeinrichtungen. Sie haben bereits Kontakt zu den Mädchen oder kennen sie zumindest und können damit die Brücke herstellen.

 

Da die Wahrscheinlichkeit, dass die Initiative von ihnen ausgeht gering ist, muss der Arzt aktiv werden. Dies kann im Hinblick auf Eltern zum Beispiel durch Aushänge in der Praxis erfolgen, die die Mütter unter den eigenen Patientinnen ansprechen. Die Reichweite bleibt dabei naturgemäß gering und etwas zufällig. Größere Breitenwirkung hat der Kontakt zu Schulen oder Jugendorganisationen, der durchaus auch gemeinsam mit mehreren Kollegen erfolgen sollte. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass auch bei den entsprechenden Fachlehrern die Informationen über die veränderte Gesundheitsproblematik bei Mädchen nur bruchstückhaft vorhanden sind.

 

Die Ansprache der Schulen sollte deshalb immer mit einem Informationsangebot für die Lehrer verbunden sein. Die direkte, nicht vermittelte Ansprache von jungen Mädchen ist dagegen eher schwierig, insofern sind Aktionen wie ?Flyer? an Treffpunkten der Jugendlichen eher von beschränkter Wirkung. Insgesamt ergibt sich bei einem solchen Vorgehen die Chance, ein neues Beziehungsnetz zwischen Ärzten, Eltern und Pädagogen aufzubauen.

 

Für die dritte Voraussetzung gibt es wenig Patentrezepte. Manche Kollegen mögen ein natürliches Geschick für den Umgang mit Jugendlichen haben, für andere bedeutete es eine stärkere Umstellung. Psychologie und Psychosomatik befassen sich intensiv mit dieser schwierigen Übergangszeit in der menschlichen Entwicklung, primär gefordert durch die zunehmende Problematik von Essstörungen und anderen autodestruktiven Verhaltensweisen. Aus ihren Erkenntnissen lässt sich lernen.

 

Als nützlich haben sich auch Gesprächskreise zum Erfahrungsaustausch zwischen Fachkollegen erwiesen, in manchen Fällen auch unter Hinzuziehung von Pädiatern, die sich von der anderen Richtung her mit den Problemen dieser Altersgruppe auseinandersetzen. Nach den bisherigen Erfahrungen lässt sich noch nichts gesichert darüber aussagen, ob Mädchen in diesem Alter eher eine Präferenz für Ärztinnen oder Ärzte haben. In jedem Fall sollte aber eine hinreichende Sensibilität bezüglich dieser Frage bestehen.

 

Bei der zweiten Voraussetzung geht es um den Inhalt des altersgruppenspezifischen Beratungs- bzw. Untersuchungsangebots. Hier müssen die drei oben angesprochenen zentralen Problemfelder abgedeckt werde.

 

3.1 Beratung zu Fertilität und Empfängnisverhütung

 

Hier geht es zunächst um medizinisch fundierte Aufklärung in einer Qualität wie sie typischerweise weder von Eltern noch von Pädagogen geboten werden kann. Fragen zur Anatomie des weiblichen Körpers, seinen Funktionen und seiner Entwicklung können im Dialog mit den Mädchen beantwortet werden. Darauf aufbauend sollte die Erläuterung des weiblichen Zyklus mit Details wie seinem Konzeptionsoptimum bzw. den ?unfruchtbaren? Tagen erfolgen.

 

Vernachlässigt werden dürfen keineswegs die normalen Begleiterscheinungen des ?Frauwerdens? wie beispielsweise die Veränderung des Körperbaus, Entwicklung sekundärer Geschlechtsmerkmale, prämenstruelle Beschwerden oder Menstruationsbeschwerden sowie der Zusammenhang zwischen Hormonen und Hautveränderungen. Angesichts oben dargestellter Zahlen, wäre es sicher verantwortungslos eine rein präventive Beratung durchzuführen.

 

Zur Aufklärung gehört genauso die Erläuterung des physiologischen Schwangerschaftsverlaufs ggf. unter Einbeziehung der möglichen Risiken sowie des natürlichen Geburtsverlaufs. In Kooperation mit Hebammen können hier je nach Interessenslage Führungen durch Kreissaal bzw. über geburtshilfliche Stationen ermöglicht werden.

 

Was die Aufklärung über Kontrazeption betrifft so geht es in erster Linie um eine Beseitigung des Wissensdefizits die verschiedenen Möglichkeiten betreffend sowie um den Abbau von Ängsten bezüglich Nebenwirkungen und Sicherheit. Im ärztlichen Alltag sieht man sich bei diesem Thema nicht selten mit juristischen Problemen konfrontiert. Die Frage ob man einer 16- oder gar einer 14-Jährigen ohne Einverständnis der Eltern die ?Pille? verschreiben darf hängt davon ab wie man als Ärztin oder Arzt die Einwilligungsfähigkeit und Reife der jungen Patientin einschätzt. Gerade bei dem Thema Kontrazeptiva für Jugendliche treffen zwei gewichtige Interessen aufeinander: einerseits die Sorge der Eltern um ihr Kind und andererseits die ärztliche Schweigepflicht.

 

Hierzu kann man anmerken, dass die Einnahme oder besser gesagt die Nichteinnahme der Pille sicher nur wenig am Sexualverhalten eines Mädchen ändern wird. Tochter oder Eltern könnten sich später wohl aber mit einer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert sehen. Bewusst sein sollte man sich darüber, dass eine suffiziente Beratung keinesfalls erst dann erfolgen sollte, wenn das Mädchen mit der Bitte um Verschreibung der ?Pille? gezwungenermaßen von sich aus in die gynäkologische Praxis kommt.

 

 

3.2 Aufklärung über sexuell übertragbare Erkrankungen

Auch auf diesem Gebiet geht es erst einmal darum, Mädchen und auch Jungen dieses Problem ins Bewusstsein zu rufen. Übertragungswege, erste Anzeichen, eventuelle Symptome und vor allem mögliche Folgen von Chlamydieninfektionen müssen den Jugendlichen näher gebracht werden.

 

Insbesondere muss bei dieser Infektionskrankheit aber auf den meist asymptomatischen Verlauf mit möglichen schwerwiegenden Folgen aufmerksam gemacht werden. Es liegt nahe, dass Erkrankungen, die eben keine Beschwerden verursachen, gerne in Vergessenheit geraten und die Notwendigkeit der Prophylaxe nicht auf der Hand liegt. Sinnvoll sind in diesem Zusammenhang sicherlich auch Tipps zur allgemeinen Intimhygiene. Vielleicht kann anhand von praktischen Beispielen aus dem klinischen Alltag ein Bewusstsein zum sorgsamen Umgang mit dem eigenen Körper geschaffen werden. Der Gebrauch von Kondomen sollte als Infektionsschutz zusätzlich zu anderen Verhütungsmaßnahmen erneut Einzug in die Welt der Jugendlichen erhalten.

 

In Fachkreisen gilt es gar zu überlegen, ob routinemäßige Testungen auf Chlamydieninfektion im Rahmen der Vorsorge in den ärztlichen Alltag aufgenommen werden sollten

 

3.3 Prävention von HPV-Infektionen und Krebsvorsorge bei Heranwachsenden

Die amerikanische Krebsgesellschaft (American Cancer Society, ACS) empfiehlt, dass der erste Zervixabstrich etwa drei Jahre nach Beginn des vaginalen Geschlechstverkehrs oder spätestens im Alter von 21 Jahren entnommen werden sollte. Danach sollte das Screening jährlich durchgeführt werden. Im selben Maße in dem der erste Geschlechtsverkehr in einem immer früheren Lebensalter stattfindet, wird auch die HPV-Infektion mit allen ihren Folgen zu einem Problem der Jugendlichen.

 

Da Expertenmeinungen zufolge das Risiko einer signifikanten Zervixläsion in den ersten drei bis fünf Jahren nach Erstexposition mit dem Humanen Papillomvirus (HPV) gering ist, kann jeder frühere Beginn der Abstrichentnahme eine Übertherapie bedeuten. Nicht zuletzt in Anbetracht der oben genannten Problemfelder ist es sicher sinnvoll bei Heranwachsenden, die noch keine Krebsvorsorge benötigen, aber sexuell aktiv sind, eine gynäkologische Gesundheitsfürsorge vorzunehmen, in der auch Untersuchungen auf andere sexuell übertragbare Erkrankungen erfolgen.

 

Auch hier kann jedoch die frühzeitige Beratung und Infektionsprophylaxe durch nichts ersetzt werden. Ob Untersuchungen auf HPV die Anforderungen eines Screeningtests erfüllen, ein HPV-Test zusätzlich zum zytologischen Abstrich die Krebsvorsorge verbessern oder die Zytologie eines fernen Tages gar ganz ersetzen kann wird kontrovers diskutiert.

 

Für die Prävention des Zervixkarzinoms weiß man heutzutage, dass ein Impfstoff gegen alle HPV-Typen der Hochrisikogruppe (HR-HPV) die Enstehung dieses Tumors verhindern könnte. Da ein solcher Impfschutz allerdings strikt typenspezifisch sein wird und erst die Einführung quadrivalenter Impfstoffe gegen die beiden häufigsten HR-HPV-Typen in greifbarer Zukunft liegt, wird eine optimale Prävention in einer geimpften Population auch in Zukunft nur durch die zusätzliche Krebsvorsorge möglich sein.

 

In Anbetracht der Impfmüdigkeit der Bevölkerung- quer durch alle Altersgruppen werden deutschlandweit nur 60 Prozent aller empfohlenen Impfungen vorgenommen- gehört eine solche Impfung in Zukunft in die ständigen Empfehlungen aufgenommen. Zusammen mit den Kollegen der Pädiatrie und Allgemeinmedizin wird der Gynäkologin/ dem Gynäkologen in Zukunft eine immer bedeutendere Rolle im Bereich der allgemeinen Prävention zukommen.

 

 

4. Fortschritt durch Zusammenarbeit

Bei den meisten dieser neuen Lösungsansätze greift auch der erfahrene Arzt auf geeignete Unterstützung und Erfahrungsaustausch zurück. Das Institut für Frauengesundheit an der Universitäts-Frauenklinik in Tübingen wurde im Dezember 2005 eingerichtet und hat das Ziel zu informieren, zu initiieren und zu integrieren.

 

Im Rahmen seiner breiteren Aufgabe bringt es niedergelassene Ärzte, Klinikärzte, Pädagogen zum Thema Aufklärung und Prävention bei Mädchen zusammen. In Zusammenarbeit mit der ÄGGF unterstützt es den Facharzt bei der Beratung und Betreuung von Mädchen und Frauen aller Altersgruppen sei es über die verschiedenen genannten Aktivitäten in seiner Praxis sei es bei der Zusammenarbeit mit und in den Schulen. Das Institut wird sich auf drei Leistungen konzentrieren: Informationsplattform, Erfahrungsaustausch und Fortbildung für niedergelassene Kollegen, Durchführung von Informationsveranstaltungen für Pädagogen oder von gemischten Veranstaltungen von Ärzten und Pädagogen.

 

4.1 Informationsplattform

Die Informationen zu den vier Problemfeldern und zu weiteren Fragen der Frauengesundheit werden im Hinblick auf vertieftes Wissen über die Sachverhalte, diagnostische und therapeutische Methoden systematisch aufbereitet und dokumentiert. Angesichts des raschen Fortschritts auf zentralen Gebieten (z.B. HPV) ist eine laufende Aktualisierung dringend gebeten.

 

Niedergelassene Ärzte können auf diese Informationen auf elektronischem Wege strukturiert zugreifen. Für darüber hinausgehende oder spezifische Fragen steht ein Expertennetzwerk zur Verfügung. Aus heutiger Sicht dürfte der Einzelzugriff auf die Experten bei der frauenärztlichen Beratung und Betreuung von Jugendlichen eine geringere Rolle spielen als bei Erkrankungen im Erwachsenenalter.

 

Dagegen ist die Bedeutung standardisierbarer Information sehr hoch, da aus der Vergangenheit nur sehr wenige Analysen vorliegen und die Lebensphase von früher Pubertät bis zum Heranwachsenden in der frauenärztlichen Grundlagenarbeit nur eine geringe Rolle spielte. Altersspezifische Information wird deshalb dringend benötigt.

 

4.2 Fortbildung für Ärzte

Bisher hat das Institut ein umfangreiches Fortbildungsangebot, das von Experten für Laien entwickelt wurde, die "Frauenakademie". Das ebenfalls schon bestehende Fortbildungs-angebot für Ärzte wird systematisch im Hinblick auf Mädchen und junge Frauen erweitert. Schwerpunkt sind dabei einerseits die neuen Erkenntnisse über die verschiedenen Infektionskrankheiten und ihre kurz- und längerfristigen Auswirkungen, andererseits- in Zusammenarbeit mit bereits bestehenden Initiativen- die Vermittlung einer für die jüngeren Altersgruppen geeigneten Methodik. Dabei geht es sowohl um den Austausch von Erfahrungen als auch um den Dialog mit Nachbardisziplinen, der sich in einem Universitätsklinikum besonders gut organisieren lässt.

 

4.3 Informationsveranstaltungen für Pädagogen und Ärzte-Lehrer-Veranstaltungen

Das Universitätsklinikum bietet eine hervorragende Plattform für solche Veranstaltungen, da es- bei nicht zu großer räumlicher Entfernung- auch für Lehrer eine hohe Anziehungskraft besitzt. In begrenztem Ausmaß können die Veranstaltungen jedoch auch geografisch dezentralisiert angeboten werden.

 

Immer sollte dies jedoch in Abstimmung mit den niedergelassenen Kollegen vor Ort erfolgen. Die Informationsveranstaltungen für Pädagogen werden bei Interesse verbunden mit gemischten Veranstaltungen von Ärzten und Pädagogen. Sie dienen natürlich nicht der medizinischen Fortbildung der Ärzte sondern der Weiterentwicklung der Vorgehensmethodik und der gegenseitigen Sensibilisierung gegenüber möglicherweise auftauchenden Schwierigkeiten im Umgang mit den Mädchen. Außerdem intensivieren sie Kontakte und helfen damit die Voraussetzungen für die richtige Ansprache der Zielgruppe zu schaffen.

 

Zusammen mit den Kollegen der Pädiatrie und Allgemeinmedizin wird der Gynäkologin/ dem Gynäkologen in Zukunft eine immer bedeutendere Rolle im Bereich der allgemeinen Prävention zukommen. Die Tatsache ist alarmierend, dass ein Drittel der 14-15-Jährigen inzwischen regelmäßige Raucher sind, mehr als 10% bereits suchtabhängig, der Alkoholkonsum beginnt bereits mit zehn Jahren. Folgen sind beispielsweise bereits im Jugendalter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mellitus Typ 2 sowie psychische Störungen. Pädagogen sind angesichts dieses massiven Auftretens von Krankheiten überfordert.

 

Auf dem Gebiet der Frauengesundheit ist der Bedarf, Mädchen altersgruppenspezifische Beratungs- und Betreuungsangebote zu machen dringend. Die bisherigen Initiativen zeigen erste Erfolge. Sie müssen nun auf eine breitere Basis gestellt und systematisch unterstützt werde. Es gibt viel zu tun aber die Aufgabe ist mit breiter Zusammenarbeit bewältigbar.

Was die Finanzierung angeht so würde das Geld, das der Staat im Rahmen von Präventionsmaßnahmen für die ärztliche Beratung n Schulen ausgibt, um ein Vielfaches bei den Krankenkassen wieder eingespart.

 

Dieser Artikel ist erschienen in Geburtshilfe und Frauenheilkunde Mai 2006, Seite 500-505.

Autoren: K. Rall, U. Krainick-Strobel, B. Böer, T. Iftner, S. Brucker
Universitätsfrauenklinik Tübingen
www.uni-frauenklinik-tuebingen.de

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